
Rosa in allen Schattierungen, soweit das Auge blickt. Die Farbpalette der zarten Blüten reicht von reinem Weiß über luftiges Babyrosé bis hin zu kräftigem Pink. Und dieses Bild wiederholt sich dutzende Male in den LCD-Displays von Spiegelreflexkameras und Handys. Die Kirschblüte (sakura) zeigt nicht nur den Beginn des Frühlings an, sondern ist Ausdruck der japanischen Seele – Touristen wie Japaner wollen sie im Bild festhalten.
Ob rosa oder weiß, getupft oder in üppigen Trauben, das hängt übrigens von der Baumsorte ab – insgesamt gibt es um die dreihundert Variationen japanischer Kirschbäume. Am häufigsten ist die schnell wachsende Somei-Yoshino-Kirsche mit zarten, fünfblättrigen, fast weißen Blüten. Etwas seltener sind die „Chrysanthemen-Kirschen“, deren Blüten mit ihren bis zu hundert Blütenblättern puschelige weiche Bälle formen, und die Trauerkirschen, deren Zweige von der Last der Blüten auf den Boden heruntergezogen scheinen. Die unterschiedlichen Kirschbaumarten werden nicht nur wegen des breiteren Farbenspektrums angepflanzt, sondern auch, weil ihre Blüten zeitlich versetzt aufgehen und sich die sprichwörtlich kurze Kirschblüte so auf mehrere Wochen strecken lässt.
Die zarten Blüten, die im ersten lauen Frühlingswetter so wunderbar aufblühen, aber nach kurzer Zeit schon wieder verwelken oder, was häufiger ist, einem Schnee- oder Regenschauer zum Opfer fallen, sind in Japan zu dem Symbol für Vergänglichkeit geworden. Seit Jahrhunderten stehen sie für den abrupten Tod in der Blüte des Lebens. Im mittelalterlichen Japan galt die Bereitschaft dazu als heroisches Ideal der Samurai-Krieger. Deren vom Zen-Buddhismus geprägte Philosophie und Kunst betonen die Unbeständigkeit aller Perfektion; aus dieser Ästhetik erwächst der Kult um die rosa Blüten.
Bereits Ende Januar blühen im Süden Japans in Okinawa die ersten Kirschblüten. Dann ist es im Rest von Japan noch Winter, erst Anfang März beginnt die Kirschblüte auf Kyushu, der südlichsten der vier Hauptinseln. Von nun an verdrängt eine Art Wetterkarte in unterschiedlichen Rosatönen zunehmend die politischen Krisen und das Ende des Fiskaljahres aus den Hauptnachrichten. Das Vorrücken der sogenannten Kirschblütenfront beschäftigt die japanische Nation. Landesweit befassen sich Meteorologen damit, möglichst genau den Beginn der rosa Pracht für die großen Städte wie Kyoto, Osaka und Tokyo zu errechnen. Und selbst innerhalb einer Stadt gibt es je nach Hanglage oder vorherrschender Baumsorte Schwankungen beim Zeitpunkt der „vollen Blüte“. Daher informiert eine tagesaktuelle Liste in der Touristeninformation in Kyoto darüber, wie weit die Kirschblüte in den diversen öffentlichen Parkanlagen fortgeschritten ist.

